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Herford von der Bünder Straße aus, Lithografie um 1870

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Herford im 20. Jahrhundert

Das 20. Jahrhundert auf dem Fundament des 19. Jahrhunderts
Die in der Industrialisierung angestoßenen umfassenden Veränderungsprozesse im wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Leben haben das Fundament für das heutige Herford gelegt. Die dort eingeleiteten Entwicklungen wurden im 20. Jahrhundert fortgeführt, beschleunigt und modernisiert. Die Auswirkungen der politischen und wirtschaftlichen Umbrüche auf nationaler und globaler Ebene wirkten auf sie differenzierend ein, brachten aber auch neue Impulse für die Stadtentwicklung.

Herforder Industrie im 20. Jahrhundert

Die im 19. Jahrhundert entstandene Branchenstruktur lässt sich im Kern bis heute erkennen. Es gab natürlich Verschiebungen in der Bedeutung der einzelnen Industriezweige. Kleine Betriebe verschwanden zugunsten größerer. Die Spezialisierung gewann gegenüber einer breiten Produktpalette die Oberhand. Der technische Fortschritt veränderte die Fertigung. Einzelne Produktionsbereiche wurden ins Ausland verlegt. Aber: Herfords Name ist nach wie vor mit der Herstellung von Oberbekleidung, von Schokoladenerzeugnissen - vor allem auch Bioprodukten – und Möbeln – hier besonders Küchenmöbeln - verbunden. In enger Verbindung zu diesen Branchen wurde der Maschinenbau fortentwickelt und es wurden zahlreiche kunststoffverarbeitende Betriebe gegründet. In den letzten Jahrzehnten gewannen die Elektrotechnik und die Zulieferer der Autoindustrie an Bedeutung. Die im 19. Jahrhundert angelegte Ausrichtung der Herforder Industrie auf Konsumgüter hat sich grundsätzlich als sehr langlebig erwiesen, allerdings bedeutete sie in ökonomischen Krisenzeiten für die einzelnen Firmen und ihre Beschäftigten immer auch eine besondere Bedrohung.

1969 wurde die Stadt in Zusammenhang mit der Gebietsreform wieder in den Kreis eingegliedert und ihre Fläche durch Eingemeindungen um das Dreifache vergrößert. Der Flächenzuwachs wurde seit den 1970er Jahren nicht zuletzt genutzt, um neue Gewerbeflächen auszuweisen. Die Industrie war seit Anfang des 20. Jahrhunderts zunehmend aus der Innenstadt verschwunden und in die Feldmarken abgewandert; nun konnte die Industrie in geschlossenen Gewerbegebieten am Stadtrand wachsen.

Nationalsozialismus und Migration verändern die Stadt

Herford wurde am 4. April 1945, einen Monat vor der bedingungslosen Kapitulation des nationalsozialistischen Deutschlands am 8. Mai, von amerikanischen Truppen besetzt. Nachdem die Siegermächte Deutschland in militärische Besatzungszonen eingeteilt hatten, gehörte Herford zur britischen Zone. Die Wiedereinführung demokratischer Strukturen orientierte sich damit am britischen Vorbild. So wurde z.B. mit Hilfe der neuen Gemeindeordnung– anders als in der amerikanischen und französischen Zone - die kommunale Doppelspitze mit einem hauptamtlichem Stadtdirektor und einem ehrenamtlichem Bürgermeister eingeführt.

Noch im Mai 1945 wurde Herford von der britischen Militärregierung als einer der Standorte für die Dienststellen der „Control Commission for Germany“ ausgewählt neben Bad Oeynhausen, Minden, Lübbecke, Detmold. Die zentrale Lage der Städte innerhalb der Besatzungszone sowie die relativ geringen Kriegszerstörungen waren der Anlass hierfür. Der Herforder Stadtteil Stiftberg bot mit den in der NS-Zeit gebauten Kasernen und den intakten Wohngebäuden die ideale Infrastruktur, um die britischen Besatzungskräfte an einem zentralen Ort zusammen zu fassen. Zu diesem Zweck mussten ungefähr 6.500 bisherige Bewohner des Stiftbergs ab Pfingsten 1945 ihre Wohnungen zwangsweise verlassen. Erst Ab 1948 begann die Rückgabe der requirierten Wohnungen an die Stiftberger. Das letzte der beschlagnahmten Häuser wurde 1957 freigegeben.

Parallel zur Rückgabe lief der Wohnungsbau für besatzungsverdrängte Mieter und englische Familien an. 1952 waren 60 Wohnungen in der Schumann- und Meierstraße und 1953 knapp 30 Wohnungen Im Großen Vorwerk und In der Ottelau für die Stiftberger fertiggestellt. Englische Siedlungen entstanden an der Goethestraße, Am alten Postweg und in der Ulmenstraße. Heute ist in Herford die 1. britische Panzerdivision, die die britischen Einsatztruppen in Deutschland befehligt, stationiert. Außerdem ist Herford Sitz der Deutschlandzentrale des britischen Soldatensenders BFBS.

Nach dem Zweiten Weltkrieg baute man in der Neustädter Feldmark auch neue Siedlungen, um Wohnraum für Flüchtlinge und Vertriebene sowie Kriegsevakuierte zu schaffen. Diese neuen, durch Zwangsmigration nach Herford gekommenen Einwohnergruppen ließen die katholische Gemeinde erheblich wachsen und veränderten die bis dahin protestantisch dominierte Religionsstruktur erstmals nennenswert. Auch die Zuwanderung durch Arbeitsmigranten und -migrantinnen in den 1960er und 1970er Jahren („Gastarbeiter“) veränderte die konfessionelle Zusammensetzung der Herforder Bevölkerung und hinterließ im Leben und Stadtbild Herfords sichtbare Spuren. Ein Prozess, der durch die Neubürger und Neubürgerinnen, die während der Migrationsbewegungen der letzten 20 Jahre in die Stadt kamen, weiter fortgeschritten ist und fortschreitet.

Die jüdische Gemeinde war durch Auswanderung, Deportation und Ermordung ihrer Mitglieder während des „Dritten Reiches“ vernichtet worden. Aus Konzentrationslagern und dem Ausland zurückgekehrte Menschen jüdischer Konfession gründeten nach 1945 eine kleine neue Gemeinde in der Stadt. Wegen der geringen Mitgliederzahl schloss sie sich 1975 mit der Detmolder Gemeinde zusammen. Heute zählt die Gemeinde durch den Zuzug jüdischer Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion seit Anfang der 1990er Jahre wieder über 100 Mitglieder. Sie weihte im Frühling 2010 die neue Synagoge ein, die sich an der Stelle der 1938 von den Nationalsozialisten zerstörten befindet.

Gesellschaftliche Kontinuitäten und Brüche

Die Industrialisierung hatte seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine zunehmend selbstbewusste Arbeiterbewegung in der Stadt entstehen lassen. Sie repräsentierte ein wachsendes, relativ eigenständiges und sozialistisch geprägtes Arbeitermilieu, das durch den wilhelminischen Obrigkeitsstaat von gleichberechtigter Teilhabe an der Gesellschaft sowie an Bildung und Kultur ausgeschlossen war. Zudem verstand es sich international solidarisch und verweigerte sich dem Militarismus und Nationalismus der bürgerlichen Eliten. Auf diese Weise entstanden die Strukturen einer »Gegenkultur« zu den bürgerlichen Institutionen, die im hiesigen Raum vornehmlich sozialdemokratisch geprägt war und zu der neben den traditionellen Organisationen der Interessenvertretung (Gewerkschaften und SPD) ebenso Einrichtungen zur kostengünstigen Selbstversorgung (Konsum) und eine Vielzahl kultureller und Sportvereine gehörten. Das Selbstbewusstsein und Selbstverständnis, das sich mit dem Ideal einer solidarischen Gesellschaft verband, fand in Herford ab 1928 seinen sichtbarsten Ausdruck im »Volkshaus« am Alten Markt, das schon wegen seiner Größe und Bedeutung die Ansprüche der Herforder Arbeiterorganisationen mitten im Zentrum der Stadt machtvoll demonstrierte.

Nach dem Kriegsende verhinderte zunächst die britische Besatzungsmacht die Reorganisation der Arbeiterbewegung, wie sie vor 1933 bestanden hatte. Später setzte sich in den sozialdemokratisch dominierten Organisationen die Idee durch, dass nach dem Ende des Faschismus in Deutschland die Arbeiterschaft den neu entstehenden Staat entscheidend mitgestalten und als »ihren« begreifen müsse. Die Vorstellung einer Gegenkultur wurde als unvereinbar damit angesehen.
Eine so grundlegende Suche nach einem neuen Selbstverständnis und die damit verbundene radikale Abkehr von traditionellen Lebensentwürfen, Bindungen und Vorstellungen stand für das protestantisch geprägte bürgerliche Milieu nie zur Diskussion. Es fand nach 1945 seine politische Heimat zum größten Teil in der neugegründeten CDU. Allerdings wurde seine bis 1945 bestehende politische Dominanz durch eine aufstrebende SPD gebrochen.

Die Innenstadtentwicklung seit Mitte der 1950er Jahren

Die massiven Veränderungen, die unter dem Schlagwort „autogerechte Stadt“ vollzogen wurden, zeigten sich zunächst am deutlichsten in der Innenstadt. Mit dem Neubau der vierspurigen Berliner Straße und dem vierspurigen Ausbau der Straße „Auf der Freiheit“ verband man das Leitbild einer modernen und attraktiven Innenstadt, deren Einzelhandel gestärkt werden müsse. Das dafür große Teile der alten Stadt abgerissen werden mussten, wurde von weiten Teilen der Einwohnerschaft und Politik als unvermeidliches Opfer gesehen, das für den Fortschritt gebracht werden müsse. Unter dieser Prämisse ließ die Enge des mittelalterlichen Stadtkerns aus Radewig, Alt- und Neustadt den Stadt- und Verkehrsplanern keine andere Wahl: Das Ziel, den privaten Autoverkehr durch die Stadt und möglichst nah an das Geschäftszentrum heranzuführen, war gewissermaßen der selbst gewählte Sachzwang, für den ganze Häuserzeilen fallen mussten. Das stadtplanerische Pendant zum Innenstadtring bildet die ebenfalls damals geschaffene Fußgängerzone, die durch alle Innen-Stadtteile geht.

Kritisch begleitet wurden die grundlegenden Veränderungen des überkommenen Stadtbildes vom 1882 gegründeten Herforder Heimatverein, dem aus dem Heimatverein 1955 hervorgegangenen Kunstverein und dem 1870 begründeten Verschönerungsverein. Ihr vielfacher Widerspruch veranlasste die Stadt 1961, den „Arbeitskreis Stadtbild Herford“ ins Leben zu rufen. Der heutige „Beirat für Stadtbildpflege“ steht in seiner Tradition.

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